Verrechnet - und Carlo findet eine Leiche

Bei den Parteifreunden und -feinden glühten die Telefone und am Nachmittag trafen sich Hamann und Grabow, die mit Keyser zusammengearbeitet hatten, in Hamanns Anwaltskanzlei, um ihr Verhalten und ihre Aussagen bei der Polizei abzusprechen. Hamann nahm als erstes eine Cognacflasche sowie zwei Gläser aus dem Barfach und schenkte ein. „Auf Keyser“, sagte er, seinem Gegenüber zuprostend. „Auf dass er viel Spaß hat in der Hölle“, feixte Grabow.
„Moin, Herr Sauer, ich bin Kriminalkommissarin Nora Lübben“, stellte sie sich vor und zeigte ihren Ausweis. „Na, endlich kommt jemand! Ich dachte schon, ich muss hier bis Mittag herumstehen“, grummelte der Mann sauer. Sein Hund, ein mittelgroßer Mischling, wedelte mit dem Schwanz und schnüffelte an Noras Schuhen. „Aus!“, befahl sie mit strengem Blick. „Carlo!“, rief Sauer leicht beleidigt und zog an der Leine. Carlo legte sich folgsam neben seinem Herrchen hin, alle Sinne angespannt.
„Frau Klaaßen, nun reißen Sie sich zusammen! Die Todesstrafe erwartet Sie hier nicht.“ Er lachte schallend. Sie zuckte zusammen und zog ihren Kopf zwischen die Schultern. Er weidete sich an diesem Bild. Mit der kessen jungen Frau, die sechs Wochen zuvor an seiner Schule erschienen war, hatte sie nicht mehr viel gemein. Wie so viele! Beim ersten Gegenwind knickten sie um. Natürliche Auslese, so nannte er das gerne. Jetzt war für die Klaaßen die Stunde der Wahrheit gekommen.
Frau Bauer holte tief Luft. Sie müsste sich wohl etwas ganz anderes suchen, und das war schwer in Wilhelmshaven. Sie stöhnte. Dass der erste Tag gleich so furchtbar anfangen musste! Am liebsten hätte sie mit lautem Türenknallen das Büro verlassen, aber sie riss sich zusammen, griff ihren Notizblock und klopfte leise an Keysers Tür. „Ja, doch!“, klang es barsch und sie trat ein. „Morgen früh sind die Fenster geöffnet!“, schnauzte Keyser, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
„Was arbeitest du eigentlich, Manuela?“, fragte Susanne. „Ich bin Lehrerin.“ „Mein Mann ist auch Lehrer“, sagte Susanne leise. Ihr Gesicht verlor den frohen Ausdruck. „Vielleicht kenne ich ihn. Wie ist überhaupt euer Nachname?“ „Keyser“, flüsterte Susanne. Manuela stutzte. „Der Keyser?“ Susanne nickte stumm. Manuela legte tröstend eine Hand auf ihren Arm.Mit Keyser verheiratet zu sein, wünschte sie ihrer ärgsten Feindin nicht. Bei ihm an der Schule zu arbeiten, genauso wenig.
Wie unabsichtlich schlenderte er zu ihr und nach kurzem Blickkontakt nahm er auf dem Barhocker neben ihr Platz. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“, begann er das Gespräch, und es dauerte nicht lange, da waren sie in eine angeregte Unterhaltung vertieft. Sie hieß Tanja, war verheiratet, aber zur Zeit noch alleine in ihrem Ferienhaus, denn ihr Ehemann konnte erst in vierzehn Tagen nachkommen. Keyser fand seine Ehefrau keiner Erwähnung wert.
Ihr Mann warf ihr einen drohenden Blick zu. „Du willst doch hoffentlich nicht schon wieder, dass ich anhalte!“, schnauzte er. Dabei lag der letzte und einzige Halt fast vier Stunden zurück. Aber sachliche Überlegungen waren ihm gleichgültig, denn er verspürte kein Bedürfnis nach einer Rast. „Ich muss zur Toilette“, flüsterte sie. „Mein Gott, bin ich denn mit Kleinkindern unterwegs!“ „Dir würde eine Pause vielleicht auch guttun“, wagte sie zu sagen. Er schnaubte verächtlich und gab Gas.
Was ist Konrad Keyser nur für ein schrecklicher Mensch! Ein völliger Egoist, der einzig seine Interessen verfolgt. Die Gefühle seiner Mitmenschen tritt er mit Füßen. Und der ist Lehrer, Schulleiter sogar! Bei ihm hat niemand etwas zu lachen, auch nicht seine Familie. Höchstens Tanja, seine derzeitige Geliebte. Der Roman spielt hauptsächlich in Wilhelmshaven.